03 Mai

Selbstbewusste Kinder – die Balance der „3 F“

Frage ich in der Beratung Paare bzw. Elternteile, was ihr Wunsch für das spätere Leben ihrer Kinder sei, so lautet die Antwort häufig: „Wir wünschen uns für unsere Kinder ein gesundes Selbstbewusstsein.“ Ist dieser Wunsch kaum ausgesprochen, folgt ab und zu eine Diskussion, die nicht erst seit gestern zwischen den Partnern besteht: „Aber wie sollen sie selbstbewusster werden, wenn du sie immer so „verhätschelst“? Du bist öfters zu überfürsorglich und lässt alles durchgehen“. „Dafür bist du oftmals einfach zu streng und hart mit ihnen, erwartest viel zu viel und bist einfach unempathisch!“. Ich erfahre dann während der Beratung sehr gegenteilige Ansichten in der Kindererziehung, wobei für die jeweilige Ansicht des Partners/der Partnerin gegenseitig wenig Verständnis bzw. Willen zum Zuhören aufgebracht wird. Dabei ist sie meist zu fürsorglich, er hingegen fordert zu viel. Ein häufiger Streitpunkt zwischen den Elternteilen, der die Beziehung sehr belasten kann.

Das „gesunde“ Selbstbewusstsein

Diese Worte sind leicht ausgesprochen, aber was genau ist ein „gesundes“ Selbstbewusstsein? Ein „gesundes“ Selbstbewusstsein lässt uns

  • Herausforderungen und Niederlagen im Leben emotional gefestigt lösen,
  • unsere Fähigkeiten besser einschätzen und einsetzen,
  • unsere Grenzen klarer ziehen und vertreten,
  • Grenzen unserer Mitmenschen erkennen und respektieren
  • und unsere Ziele fokussiert verwirklichen.

Ein gesundes Selbstbewusstsein schließt neben Stärke also auch Feingefühl ein. Und so wünscht sich natürlich jeder Elternteil ein gesundes Selbstbewusstsein für sein Kind, denn damit „hat es das Kind im Leben leichter“. „Leichter“ bedeutet hier einen gefestigten, respektvollen Umgang mit dem eigenen Selbst in Beziehung zu dem Umfeld.

Wie erlangt ein Kind ein gesundes Selbstbewusstsein?

Wir sind ein Produkt unserer Erfahrungen, angefangen in der frühesten Kindheit. Auch unser erwachsenes Selbstbewusstsein wurde irgendwann einmal „geschult“. Schauen sie dazu einmal auf ihre eigene Kindheit zurück:

  • Welche Erziehung haben sie genossen?
  • Waren ihre Eltern sehr streng oder sind sie sehr wohlbehütet aufgewachsen?
  • Mussten sie früh in ihrem Leben selbständig sein oder durften sie die Unterstützung ihrer Eltern ausführlich genießen?
  • Welche Lebensweisheiten haben ihnen ihre Eltern für ihr Leben mit auf den Weg gegeben?

Würden sie sich als selbstbewusst beschreiben?

Das Erscheinungsbild des Selbstbewusstseins wird häufig mit Erfolg und Leistung gleichgesetzt. Ein erfolgreicher Mensch mag viel Durchsetzungsvermögen, Eigeninitiative und Disziplin besitzen, aber ist er deshalb selbstbewusst? Ich habe einige Menschen kennengelernt, die großartige Leistungen erbringen, Karriere machen und von anderen Menschen für ihr „selbstbewusstes“ Auftreten bewundert werden. Im Inneren dieser Menschen sieht es allerdings anders aus. Ganz tief verborgen sind sie, die Fragen, die das Außen nicht sehen darf: „Bin ich gut genug? Bin ich auch ohne diesen Job und meine Leistung liebenswert? Was will ich eigentlich für mich?“ Vielleicht finden diese Fragen irgendwann ihren Weg an die Oberfläche und es kommt zum Ausbruch: „Ich will nicht mehr funktionieren!“. „Funktionieren“ ist eine sehr häufige Umschreibung für die Erkenntnis, dass Aufmerksamkeit und Anerkennung der Familie, Freunde oder des Bekanntenkreises an die persönliche Leistung und den Erfolg gebunden sind – mit einem gesunden Selbstbewusstsein und einer Fürsorge sich selbst gegenüber hat das nichts zu tun. Bleiben die Fragen ungelöst, kann es zu zwei bekannten Vertretern von Volkskrankheiten führen: Burnout und Depression.

„Fördernd – Fordernd – Fürsorgend“ – die 3 F´s für ein gesundes Selbstbewusstsein

Im Grunde genommen besitzen die zitierten Paare bzw. Elternteile vom Anfang des Beitrags genau das „Fähigkeiten-Paket“, welches zur Vermittlung eines gesunden Selbstbewusstseins benötigt wird und könnten sich damit sehr glücklich schätzen. Wären sie nur nicht selbst das Produkt ihrer Erfahrungen und besäßen daher eine teils eingeschränkte Sichtweise auf den anzuwendenden Erziehungsstil, der die notwendige Balance zwischen den Grundaspekten „Fördernd, Fordernd und Fürsorgend*“ nicht immer beachtet. So hat der eine Elternteil ein ausgeprägtes „Fordern“ in seiner eigenen Erziehung erfahren, die Erziehung des anderen Elternteils war dagegen geprägt von Fürsorglichkeit. Hinzu kommt, dass erstgenannter Elternteil ebenso in seiner Erziehung gelernt hat, dass bspw. allzuviel Fürsorglichkeit und zu wenig Fordern „verweichlicht“, während letztgenannter Elternteil bspw. die erlernte Meinung vertritt, dass Menschen, die stark gefordert und weniger fürsorglich behandelt wurden, egoistisch veranlagt und „hart bzw. unempathisch“ seien. Schauen wir uns aber noch einmal die Definition eines „gesunden“Selbstbewusstseins an, sehen wir, dass alle drei Grundeigenschaften eine Daseinsberechtigung in der Erziehung haben.

Und so ist es wichtig, dass beide Elternteile in Abstimmung ihre Fähigkeiten in der Erziehung einbringen und dabei den Fähigkeiten des Partners Raum geben, ja diese sogar in manchen Fällen überhaupt erst einmal lernen wertzuschätzen. Ein Kind sollte lernen, mit (An)Forderungen umzugehen, genauso wie es Fürsorglichkeit erfahren sollte, um später einmal liebevolle Beziehungen – zu sich selbst wie zu anderen – zu pflegen. Ein Kind sollte gefördert werden, um seine Fähigkeiten und ein Verständnis von Geben und Nehmen zu entfalten.

„Vergessen sie nicht zu fördern, wenn sie fordern.
Vergessen sie nicht zu fordern, wenn sie fördern.
Vergessen sie nicht die Fürsorglichkeit, wenn sie fordern und fördern.“

Zeit zur Abstimmung in der Erziehung

Nehmen sie sich als Eltern die Zeit, Unstimmigkeiten in der Erziehung in Ruhe zu besprechen bzw. zu hinterleuchten und sich für zukünftige Situationen abzustimmen. Sehen sie diesen Prozess als Chance, sich noch besser kennenzulernen und sich um das Wohl der Kinder zu sorgen, anstatt in Konkurrenz zueinander zu treten. Vor allem bei Partnern, die selbst sehr unterschiedliche Erziehungen genossen haben, ist es wichtig, ein Verständnis darüber zu erlangen, weshalb der Partner/die Partnerin diesen Erziehungsstil befürwortet. Lernen sie dabei, ihre/seine Fähigkeiten wertzuschätzen, denn schließlich sind es meistens auch Fähigkeiten, die sie gerne ihren Kindern vermittelt wissen würden, die sie vielleicht an sich selbst vermissen oder in die sie sich ursprünglich sogar einmal verliebt haben.

Alles Liebe für sie,
Annika Kreis

 

*Nähere Umschreibungen der Begriffe:

  • Fördern: Interessen und Fähigkeiten des Kindes wahrnehmen, notwendige Unterstützung/Mittel/Materialien bei den Vorhaben des Kindes aufbringen, dem Kind den Glauben in seine Fähigkeiten kundtun, positives Zusprechen
  • Fordern: eine Leistung von dem Kind abverlangen, das Kind Grenzen kennenlernen lassen
  • Fürsorglichkeit: emotionale Unterstützung des Kindes, liebevolles Bemühen um das Kind, die Bedürftigkeit (nach Liebe, Geborgenheit, Sicherheit etc.) des Kindes erkennen und dieser nachkommen